El Sistema Venezuela (deutsch)

Die Erfolgsgeschichte El Sistema Venezuela 1 beginnt Mitte der 70er Jahre als Maestro José Antonio Abreu eine Musikprobe in einem Hinterhof in der venezolanischen Hauptstadt Caracas organisierte. Die Idee war die Schaffung eines venezolanischen Orchesters, das mit venezolanischen MusikerInnen besetzt werden sollte; ein Gegenstück zur damals etablierten klassischen Musikszene.

Maestro José Antonio Abreu

Zu dieser ersten Musikprobe erschienen jedoch nur elf MusikerInnen. Glücklicherweise ließen sich alle Beteiligten von dieser eher geringen Anzahl nicht entmutigen; im Gegenteil diese wirkte als Motivationsfaktor, um ihr Engagement weiter zu verfolgen. Der Einsatz dieser kleinen Gruppe hat sich ausgezahlt. Ein Monat später schlossen sich bereits 75 junge MusikerInnen Abreu an, was letztendlich zur Bildung des ersten Ensembles führte. Bereits vier Monate nach dessen Gründung, spielte das Ensemble erste Konzerte und bekam durch ihre Begeisterung für die Musik nicht nur laufend Ovationen, sondern auch die Unterstützung der venezolanischen Regierung, die fortan das Programm finanziell unterstützte. Ein Merkmal dieser Anfangszeit war, dass die jungen MusikerInnen mitunter sehr unterschiedliche musikalische Kenntnisse aufwiesen; was sie aber alle einte war die Leidenschaft für die Musik. Abreu setzte an dieser Schnittstelle an und entwickelte ein Konzept, das seine Stärke gerade in dem unterschiedlichen Niveau entfalten sollte:

  1. Die jungen MusikerInnen lernen durch gemeinsames Musizieren von- und miteinander, womit ein Erfahrungsaustausch zwischen allen Niveaus stattfinden kann und die Gemeinschaft als Ganzes gestärkt wird.
  2. Das Orchester muss laufend in der Öffentlichkeit spielen, um den jungen MusikerInnen eine zusätzliche Motivation für ihr Engagement bieten zu können.

Für Abreu war ein Orchester aber mehr als nur eine Gemeinschaft von MusikerInnen; vielmehr ist es als Spiegelbild für eine funktionierende Gesellschaft zu sehen. Nur wenn alle zusammenarbeiten, kann ein Ziel erreicht werden; entscheidend ist aber dennoch die Rolle jedes/r Einzelnen.

Conservatory of El Sistema in Caracas, Venezuela

Unter Berücksichtigung dieses Ansatzes wurde das verbindende Element der
Musik genutzt, um ein soziales Programm zu schaffen, das junge Menschen aus allen Schichten zusammenbringt, Werte vermittelt und durch die Begeisterung für die Musik einen Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft schafft. Um dies umzusetzen wurden nach und nach zahlreiche Núcleos und Módulos (vergleichbar mit größeren und kleineren Musikschulen) in allen Bundesstaaten Venezuelas eröffnet, die es allen jungen Menschen ermöglichen, bei El Sistema mitwirken zu können. Der Musikunterricht kann von den jungen Menschen – die jüngsten sind erst 2 oder 3 Jahre alt – an sechs Tagen in der Woche jeweils drei bis vier Stunden besucht werden. Darüber hinaus gibt es vor allem in der Ferienzeit die Möglichkeit an Workshops teilzunehmen, bei denen teilweise bis zu 10 Stunden pro Tag musiziert wird. Hervorzuheben ist aber, dass die Teilnahme kostenlos ist und es somit keine soziale Barriere für die Mitwirkung gibt. Daneben bietet die Struktur von El Sistema die Möglichkeit sich bereits in jungen Jahren zu einem/r Lehrenden ausbilden zu lassen, um so einen kontinuierlichen Austausch zwischen Jung und Alt zu ermöglichen.

Main hall of the Social Action Center for Music,
Caracas, Venezuela

Knapp 45 Jahre nach dem ersten Vorspiel in Caracas zeigt sich, dass die Umsetzung von Abreus Vision eindrucksvoll gelungen ist.

  • So musizieren heute mehr als 1 Million junger Menschen in über 400 Núcleos und 1.700 Módulos in ganz Venezuela.
  • Daraus bildeten sich über 1700 aktive Orchester, die sowohl in der Breite als auch durch ihre Aushängeschilder wie etwa das Simón Bolívar Symphony Orchestra im In- und Ausland zu begeistern wissen.
  • El Sistema Venezuela war wegbereitend für die Karrieren von begnadeten MusikerInnen wie etwa Gustavo Dudamel, Pedro Eustache, Natalia Luis-Bassa oder Edicson Ruiz.
  • Der Einfluss von El Sistema inspirierte über 300 Initiativen und Musikprogramme, die in über 70 Ländern aktiv sind und somit die Vision Abreus über Grenzen hinweg bis heute weiterverbreiten.

Die Geschichte von El Sistema Venezuela zeigt eindrucksvoll, dass mit einer Vision, Motivation und Engagement eine Veränderung möglich ist.

Hinweis: Auf diesem Blog wird durchgehend die Bezeichnung El Sistema Venezuela verwendet, da dieser Name – unserer Ansicht nach – den höchsten Bekanntheitsgrad in Europa aufweist. An dieser Stelle aber der Hinweis, dass die offizielle Bezeichnung seit dem Jahr 2011 Fundación Musical Simón Bolívar (FMSB) lautet. Davor war die offizielle Bezeichnung Fundación del Estado para el Sistema Nacional de las Orquestas Juveniles e Infantiles de Venezuela (FESNOJIV), wobei vor allem die Abkürzung FESNOJIV heute ebenfalls noch gebräuchlich ist.

Weitere Informationen unter:

http://fundamusical.org.ve/ (spanisch)
http://www.hiltifoundation.org/de/El-Sistema-Venezuela (deutsch)
Perdomo Echenique E. (2018): Contribution of musical education on Sustainability:
the study case of „El Sistema“ musical education for underprivileged children in
Venezuela, available at http://unipub.uni-graz.at/download/pdf/2945840 (englisch)