Über die Bedeutung von Musik in der Klimastreik-Protestbewegung

Ich bin hier
Um fürs Klima zu demonstrieren
Als Mensch mich zu erheben
Mit der Erde zu verbinden und das zu leben

So schallt es jeden Freitag zwischen 11:55 (5vor12) und 14:00 Uhr vom Heldenplatz in Wien. Ein simples Lied, 4 Textzeilen, kein Reim. Und ein unvorstellbar hartnäckiger Ohrwurm! Wer das erste Mal dabei ist, mag den Songtext als unrund und alternativ belächeln und sich über die hunderten jungen und älteren Menschen wundern, die begeistert mitsingen. Auch eine passende Choreographie gibt es, bei der es im Kern darum geht, von der Hocke aus im richtigen Moment aufzustehen.

Die radio-verwöhnten Ohren der aufmerksamen Passant*innen erwarten eine durchschnittlich lange Strophe, Refrain, dann noch eine Strophe, wieder ein Refrain… Doch der leidenschaftliche Klimastreik-Musiker, der in der Mitte der Menge steht, bricht mit allen Konventionen des Mainstreams und singt nimmer wieder seine 4 Zeilen. Dass er damit Erfolg hat, erkennt man am lautstarken Gesang der Protestierenden. Von Zeit zu Zeit wird der Songtext nur geflüstert, mal bewusst schief und falsch gesungen, dann wieder laut geschrien. Auch nach der 40. Wiederholung ist es keinem und keiner der Beteiligten langweilig. Denn das Lied ist erst zu Ende, wenn die ganze Stadt den Text nicht mehr aus dem Gedächtnis bekommt. Das ist die Macht der Musik.

Musik war stets ein wichtiges Element menschlicher Gesellschaften und menschlichen Zusammenlebens. Musik schafft eine gemeinsame Identität. Sowohl in einer lokalen Gemeinschaft, als auch über alle Grenzen hinweg. Denn Musik ist eine Sprache, die jeder Mensch versteht. Auch in sozialen Bewegungen und bei gesellschaftliche Veränderungen spielte Musik oft eine essenzielle Rolle. Viele berühmte Musiker sangen in Welthits von der Hoffnung nach Frieden, sozialer Gerechtigkeit und für die Beendung von Armut in der Welt.

Umso verwunderlicher ist es, dass die Umweltbewegung der vergangenen Jahrzehnte kaum Hits hervorgebracht hat, die die ökologische Nachhaltigkeit und den Umweltschutz besingen. Dies mag viele Gründe haben. Einer dieser Gründe könnte sein, dass das Thema Klima- und Umweltschutz in öffentlichen Debatten der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts stets ein vernachlässigtes Thema war und sich Umweltsongs somit auch nicht gut verkauften. In diesem Zusammenhang lässt sich aber auch die umgekehrte Frage stellen:
Haben vielleicht die fehlenden Umweltlieder ihren Teil dazu beigetragen, dass die Umweltbewegung der letzten Jahrzehnte weit unter den Erwartungen und Hoffnungen von Umweltexpert*innen geblieben ist?
Eine Frage, die sich so nicht leicht beantworten lässt. Was sich aber mit Sicherheit sagen lässt:
Seit die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg im Dezember 2018 auf der Klimakonferenz COP24 eine Rede gehalten hat, ist das Klima zum Trend geworden.

Am 15. März 2019 waren weltweit über 1,7 Millionen Menschen auf den Straßen, um von den politischen Entscheidungsträger*innen wirksame Klimaschutzmaßnahmen in Einheit mit dem überlebenswichtigen 1,5°C-Ziel zu fordern. In vielen Städten auf der Welt wird wöchentlich gestreikt, in Österreich und Deutschland nennt sich die Bewegung #FridaysForFuture und ist mittlerweile zu einer starken Stimme für alle heutigen und zukünftigen Generationen geworden.

Von Anfang an waren Musik und Sprüche ständige Begleiter der Demonstranten und Demonstrantinnen in den Städten und Dörfern. Gemeinsam gerufene Protestsprüche stärken den Zusammenhalt und sorgen für eine deutlich größere Aufmerksamkeit der Passant*innen. Ebenso verhält es sich mit Liedern. Die meisten der Songs sind umgedichtete Klassiker und Hits. Die besten finden Einzug in ein eigenes Songbook, das als Hilfestellung für komplexere Texte dient und einen guten Überblick über das Repertoire der Klimastreiker bietet.

Langsam und zaghaft wagen sich nun auch etablierte Künstlerinnen und Künstler an das neue Thema Klima- und Umweltschutz. Der deutsche Fernseh-Moderator Klaas (Joko&Klaas) veröffentlichte einen dem Zeitgeist entsprechenden Greta-Rap. Im Musikvideo führt ein kleines Mädchen im gelben Regenmantel eine Gang aus muskulösen, tätowierten Männern an, die alle in ihrem Umfeld in ironischer Aufmachung unfreiwillig zu Umweltschützern machen. So zerren sie etwa einen SUV-Fahrer aus seinem klimaschädlichen Gefährt und setzen ihn auf ein Fahrrad. Der Text bleibt eher oberflächlich, doch die Aussage ist klar: Klimaschutz ist ein so brandaktuelles Thema, dass es schon zu Parodien taugt. Frei nach dem Motto: „Was nicht schadet, nützt.“ Neue Zielgruppen erreicht das Thema damit sicherlich.

Den bisherigen Mainstream-Höhepunkt erreichte die Klimaprotestsong-Bewegung mit einem Lied des US-amerikanischen Rappers Lil Dicky, der sich für seinen Song musikalische Größen wie Ariana Grande, Justin Bieber, Halsey, Zac Efron, Wiz Khalifa, Snoop Dogg, Shawn Mendes, Charlie Puth, SIA, Miley Cyrus, Lil Jon, Rita Ora, Katy Perry, Ed Sheeran, Meghan Trainor, John Legend, Psy und sogar die Backstreet Boys mit ins Boot geholt hat. Der Song „Earth“ ist musikalisch und textlich sehr simpel gehalten, das Musikvideo strotzt vor bunten Animationen von Erde, Pflanzen und Tieren. Alles in Allem ein klassischer Mainstream-Pop-Song, der den Versuch unternimmt, Umweltschutz an die breite Masse der Musikhörer und Musikhörerinnen zu bringen. Immerhin hat das Lied von Lil Dicky innerhalb weniger Wochen über 75 Millionen Klicks auf Youtube generiert.

Beeindruckend ist aber vor allem das Aufgebot an etablierten Künstlern, die an dem Song mitgewirkt haben. Fast schon erinnert es an frühere Zeiten, als sämtliche US-amerikanische Musikstars gemeinsam „We Are The World“ sangen. Damals um dem Hunger in Afrika zu bekämpfen. Nun steht die globale Klimabewegung an einem entscheidenden Punkt. Ob wir es als Menschheit schaffen, die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts zu lösen, ist eine Frage unseres kollektiven Mindsets. Und nichts kann uns auf diesem Weg besser zusammenschweißen als ein gemeinsames Lied, dass von Hoffnung, Umweltschutz und positiven Visionen erzählt.